Mit Enterprise Architecture Management durch den IT-Trend-Dschungel

DevOps, Blockchain, NoOps, Big Data & Analytics, Business Intelligence, Microservices und Cloud-Native-Anwendungen, IoT, Cyber Security und natürlich Künstliche Intelligenz – die Liste aktueller IT-Trends ist lang, wie Analysen von Beratungshäusern und Fachmagazinen zeigen, und ließe sich noch deutlich erweitern (vgl. [1], [2], [3], et al.). Als Unternehmen steht man vor der Herausforderung, diese Trends zu bewerten und sich zu fragen: Sollen oder müssen wir uns mit dem Konzept bzw. der Technologie beschäftigen? Um diese Herausforderung zu meistern, empfiehlt es sich zunächst folgende Fragestellungen zu evaluieren: Was will ich? Und wenn ich meine Ziele kenne: Welche Technologien brauche ich? Wie passt das alles zusammen?

Zur Beantwortung dieser Fragen kann die Management-Disziplin „Enterprise Architecture Management (EAM)“ essentielle Beiträge und Strukturen liefern, wie in folgender Abbildung dargestellt.

Enterprsie Architecture Management

Wie und warum das funktioniert, möchte ich in diesem Blog-Beitrag am Beispiel von BI und Microservices näher beleuchten.

Zunächst werfe ich einen kurzen Blick auf EAM. EAM ist „ein systematischer und ganzheitlicher Ansatz für das Verstehen, Kommunizieren, Gestalten und Planen der fachlichen und technischen Strukturen im Unternehmen.“ [4] Dies umfasst die strategische, taktische und operative Ebene des Unternehmens. Übergreifende Zielsetzung eines Einsatzes von EAM ist es, die Beziehungen zwischen einzelnen Elementen eines Unternehmens (z.B. Ziele, Prozesse, Services, Systeme) beherrschbar zu machen, die wahrgenommene und tatsächliche Komplexität der Strukturen zu verringern und diese strategisch und businessorientiert weiterzuentwickeln. Hierbei wird (auch) die IT-Landschaft des Unternehmens gemäß den Zielen, Anforderungen und Prozessen des Business ausgerichtet. Wer tiefer in die Thematik eintauchen will, kann das unter anderem hier tun [5], [6], [7].

So weit, so gut. Aber wo bleibt nun die Verbindung zu den Trend-Technologien der IT-Branche?

Dafür möchte ich zwei der oben exemplarisch genannten Trend-Themen etwas näher betrachten: Business Intelligence (BI) und Microservices.

Unter Business Intelligence versteht man die Fähigkeit, Intelligenz und Wissen für einen erfolgreicheren Geschäftsbetrieb zu generieren und zielgerichtet einzusetzen. Dies geschieht durch verschiedene Methoden und Werkzeuge, die es ermöglichen, Geschäftsdaten in Informationen für Entscheidungsprozesse zu transformieren und den richtigen Adressaten in der passenden Aufbereitungsform zur Verfügung zu stellen (vgl. hierzu [8]). Kern eines BI-Systems sind in der Regel ein Data Warehouse sowie Anwendungen, mit denen unter anderem verschiedene Analysen oder Data-Mining-Aufgaben durchgeführt werden können.

Gerade vor dem Hintergrund der immer größeren Menge an im Kontext des Unternehmens und seiner Umwelt anfallenden Daten (Big Data) sowie einer Vielzahl komplexer Entscheidungen, ist die Frage heute weniger ob, sondern wie ein Unternehmen Business Intelligence betreibt. Die Herausforderung besteht darin, an den relevanten Punkten im Unternehmen, zum richtigen Zeitpunkt, die adäquaten Techniken und Werkzeuge einzusetzen, um mit zusätzlicher Geschäftsintelligenz die Ziele und Prozesse des Unternehmens zu unterstützen.

Bei der Bedarfsidentifikation und Auswahl der richtigen BI-Maßnahmen und -Werkzeuge kann EAM in vielfältiger Hinsicht hilfreich sein, unter anderem so:

  • Wo werden BI-Informationen benötigt?: EAM beschreibt Geschäftsprozesse, die beteiligten und verantwortlichen Akteure sowie die in den Prozessen anfallenden und benötigten Informationen. Auf dieser Grundlage können Entscheidungspunkte, Entscheidungen und Entscheider sowie ein Nutzen durch zielgerichtete Geschäftsintelligenz – die an diesen Stellen durch die Bereitstellung relevanter Informationen zum richtigen Zeitpunkt durch BI-Anwendungen generiert werden kann – identifiziert werden. Somit lässt sich durch EAM der konkrete Bedarf für und die Anforderungen (Inhalte, Aufbereitung) an einen zweckorientierten Einsatz spezifischer BI-Maßnahmen ableiten.
  • Zielorientierte Weiterentwicklung des Unternehmens: Weiterhin können BI-Systeme im Zusammenspiel mit der durch das EAM sichtbar und steuerbar gemachten Unternehmensarchitektur dazu beitragen, Prozesse und Strukturen des Unternehmens hinsichtlich der Vision, der Ziele und Fähigkeiten sowie der Strategie des Unternehmens weiterzuentwickeln und zu optimieren.
  • Daten als Grundlage für BI: BI-Systeme sind stark von den Daten abhängig, die ihnen als Grundlage zur Verfügung stehen. In den Zeiten von Big Data besteht die Herausforderung häufig weniger darin, genügend Daten zu bekommen, sondern die für den jeweiligen Bedarf relevanten Daten herausfiltern zu können. EAM bietet durch Datenarchitekturen sowie deren Verknüpfung zu Geschäfts-, Anwendungs- und Technologiearchitekturen die Möglichkeit, benötigte Daten und Datenströme zu identifizieren, deren Zusammenhänge zu Geschäftsaktivitäten und Technologien zu verstehen und ihre Bedeutung für übergeordnete Prozesse und Ziele auszuwerten.
  • Integration in und Aufsetzen auf die vorhandene Anwendungslandschaft: EAM ermöglicht unter anderem durch seine Anwendungs- und Technologiearchitekturen einen Überblick und ein Verständnis der vorhandenen operativen Systeme eines Unternehmens, auf denen die benötigten BI-Systeme und -Anwendungen aufsetzen können.

Die genannten Aspekte zeigen, wie EAM bei der Bedarfsgründung für BI sowie der Auswahl, Konzeption und Umsetzung von für den Unternehmenskontext passgenauen BI-Maßnahmen als ein wirkungsvolles Instrument für Bewertung und Planung einer Technologienutzung fungiert.

Als nächstes möchte ich einen der aktuell größten Hypes betrachten – Microservices. Microservices sind im Prinzip nichts anderes, als eine Möglichkeit der Modularisierung von Software. Allerdings, und hierin besteht der Unterschied zu der aus der objektorientierten Welt bekannten Strukturierung in Klassen und Paketen, sind Microservices unabhängig deploybar – wohingegen Module wie Klassen gleichzeitig in Produktion gebracht werden. An dieser Stelle sollen die verschiedenen technologischen Ansätze der Realisierung von Microservices nicht näher beleuchtet werden. Ich blicke stattdessen auf einige der Vor- und Nachteile, die durch den Einsatz von Microservices entstehen können:

  • Die Verwendung von Microservices erhöht auf Grund ihrer Eigenständigkeit die Ausfallsicherheit eines Gesamtsystems.
  • Sie sind unabhängig skalierbar und können durch unterschiedliche Technologiestacks realisiert werden – lediglich die Schnittstellentechnologien müssen übereinstimmen.
  • Weiterhin können sie schnell und einfach erstellt und geändert sowie in verschiedenen Systemkontexten zusammen verwendet werden.
  • Auch der Bedarf an Koordination zwischen verschiedenen Entwicklerteams wird reduziert.
  • Auf der anderen Seite bringen Microservices größere Aufwände mit sich.
  • Microservices erschweren zudem das Testen.
  • Außerdem besteht das Risiko der redundanten Entwicklung bestimmter Funktionalitäten.

Auch hier kann EAM helfen zu entscheiden, ob ein Einsatz von Microservices in Ihrem Unternehmen sinnvoll ist und wie dieser gesteuert werden kann:

  • Ausfallrisiken als Motivation für Microservices: Mit EAM lässt sich in ebenübergreifenden Betrachtungen die Verzahnung von Anwendungen und Diensten sowie die Folgen von deren Ausfällen bis hin zur nicht mehr möglichen Bereitstellung übergreifender Fähigkeiten und Ziele eines Unternehmens sichtbar machen und auswerten. Würde man z.B. feststellen, dass eine der Kernfähigkeiten des Unternehmens nicht mehr zur Verfügung steht, wenn die diese Fähigkeit bereitstellenden Geschäftsprozesse auf Grund einer ausfallenden Anwendung nicht erbracht werden, könnte dies den Einsatz von Microservices rechtfertigen. Durch eine höhere Robustheit, Wartbarkeit und Unabhängigkeit bei der Modularisierung einzelner Funktionalitäten in Microservices ließe sich somit die Ausfallsicherheit der Fähigkeit verbessern.
  • Innovation: EAM erlaubt eine Identifikation und Simulation neuer, innovativer und lohnender Kombinationen von Fähigkeiten, Prozessen, Services und weiterer Ressourcen eines Unternehmens. Hierbei wird sichtbar, welche (Teil-)Funktionalität von Anwendungen in anderen Kontexten sinnvoll eingesetzt und wiederverwendet werden kann. Dies ist ein Hinweis, dass es sinnvoll ist, diese Funktionalität in Microservices zu kapseln.
  • Nicht einheitliche Technologien in der Anwendungslandschaft: Durch EAM kann ausgewertet werden, welche verschiedenen Technologien in der Anwendungslandschaft im Einsatz sind. Stellt sich beispielsweise heraus, dass Fachanwendungen von Team A vollständig mit Java-, die Fachanwendungen von Team B aber mit .NET-Technologien realisiert sind und beide Teams einen übergreifenden Geschäftsprozess realisieren sollen, wäre dies ein weiteres Argument für den Einsatz von Microservices.
  • Vermeidung von Redundanz: Wird bei einer durch das EAM ermöglichten gemeinsamen Auswertung von Anforderungen, Geschäftsprozessen und Anwendungslandschaft festgestellt, dass Teams unterschiedlicher Fachbereiche an ähnlichen Problemen arbeiten, birgt eine Verwendung von Microservices die Gefahr, durch deren stärkere Isolation Aufwände für eine innerhalb des Unternehmens redundante Umsetzung von Funktionalitäten zu generieren.

Die beiden diskutierten Beispiele – eines mit Businessfokus, das andere mit stärkerer IT-Ausrichtung – stellen nur einen Ausschnitt aus der Vielfalt der Chancen und Risiken des Einsatzes von Informationstechnologien dar, den Unternehmen ständig businessorientiert bewerten und gegebenenfalls für sich adaptieren müssen. Auch kratzen sie letztlich nur an der Oberfläche der Möglichkeiten und Mehrwerte, die sich durch ein auf das Unternehmen angepasstes EAM schaffen lassen. In der Praxis steht die Bewertung des Einsatzes von Technologien mittels EAM immer im Kontext der eigenen Ziele und des eigenen Bedarfs, wodurch die Anwendungsmöglichkeiten von EAM unternehmensspezifisch zu verstehen und individuelle EAM-Maßnahmen im Kontext des Unternehmens auszuwerten sind. Dies verhindert zwar die Definition eines fallunabhängig anwendbaren Vorgehens zur Technologieevaluation mit EAM – hierbei gibt es allerdings eine Reihe von Analysefragen, die sich kontext- und technologieunabhängig immer wieder stellen:

  • Welche Ziele verfolgt das Unternehmen? Unter welchen Umweltbedingungen (Markt, Gesetze, etc.) agiert es?
  • Um welche Technologie handelt es sich? Welche Implikationen für das Business und die IT haben die inhärenten Eigenschaften der Technologie?
  • Wie und mit welcher Durchdringung wurde EAM im Unternehmen etabliert?
    • Welche Teilbereiche eines EAMs existieren bereits?
    • Wird EAM heute schon für die Bewertung und Planung des Einsatzes von Technologien verwendet?
    • Welche Analysefragen lassen sich beantworten – und welche noch nicht?

Die Vielfalt der möglichen Konstellationen zeigt, dass es nicht den einen, global passgenauen Weg gibt, um sich im Dschungel der IT-Trends zurechtzufinden. Genauso offenbart diese Vielfalt aber auch die Chancen und den Mehrwert, den ein EAM bei einer auf das Business bezogenen Bewertung des Einsatzes von Informationstechnologien bietet.

Martin Czerwick

Martin Czerwick arbeitet seit 2015 für die CONET Solutions GmbH und ist Projektleiter und Berater im Bereich „Architecture Consulting & Development“. Seine Beratungsschwerpunkte liegen beim Enterprise Architecture Management und IT Architecture Management.
Martin Czerwick

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  1. https://www2.deloitte.com/de/de/pages/technology/articles/tech-trends-2019.html[]
  2. https://news.sap.com/germany/2018/12/top-10-it-trends-2019/[]
  3. https://www.capgemini.com/de-de/service/it-trends-studie/[]
  4. Hanschke: „Strategisches Management der IT-Landschaft: Ein praktischer Leitfaden für das Enterprise Architecture Management“; Carl Hanser Verlag; 2013[]
  5. https://www.conet.de/DE/conet/veranstaltungen/webinare/enterprise-architecture-management[]
  6. https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Leitfaden-EAM-Enterprise-Architecture-Management.html[]
  7. CONET-Teamleiter Enterprise Architecture Management: Dominik Rüber, drueber@conet.de[]
  8. Rizzi: „Business Intelligence“; in: Liu L., Özsu M.T. (eds): „Encyclopedia of Database Systems.“; Springer; 2019[]

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